author-rilke,editorial,klassiker

Rilke 'Habe Geduld' — Briefform als Geduld-Lehre

Worpswede, Sommer 1903: Rilke schreibt einem Kadetten, was bis heute als Geduld-Lehre nachhallt — eine Briefstelle aus den "Briefen an einen jungen Dichter".

editorial-rilke-habe-geduld hero

Es ist eine der meistzitierten Stellen der deutschsprachigen Briefliteratur, und sie steht, wenn man genau hinsieht, in einem fast nebensaechlichen Absatz.

Im Sommer 1903 sitzt Rainer Maria Rilke in Worpswede, der Kuenstlerkolonie noerdlich von Bremen, und beantwortet die Zuschriften eines jungen Mannes namens Franz Xaver Kappus. Kappus ist Kadett an der Theresianischen Militaerakademie in Wiener Neustadt, dort, wo Rilke selbst Jahre zuvor gelitten hatte. Aus dieser doppelten Vertrautheit, der eigenen Akademiezeit und der Distanz des inzwischen gereiften Dichters, schreibt Rilke einen Brief, der spaeter unter dem Titel "Briefe an einen jungen Dichter" beruehmt werden wird, herausgegeben 1929 im Insel Verlag, drei Jahre nach Rilkes Tod.

Die Stelle, um die es hier geht, lautet vollstaendig:

Was diese Zeile so bestaendig macht, ist nicht ihr Trostgehalt, sondern ihre Praezision. Rilke fordert nicht Loesung, nicht Bewaeltigung, nicht das verbreitete Aufraeumen des Inneren. Er fordert Geduld, und zwar gegenueber dem Ungeloesten selbst. Das Ungeloeste bleibt; der Mensch lernt, mit ihm zu sein. Diese Wendung ist im Jahr 1903 keineswegs Allgemeingut. Die Jahrhundertwende ist nervoes, sie sucht Diagnosen und Schluesse, sie zaehlt Symptome und benennt Krankheiten. Rilke setzt dem eine andere Bewegung entgegen: das Stehenlassen, das Aushalten, die Treue zur Frage, ohne die Antwort zu erpressen.

Biographisch ist der Brief in einer fruchtbaren Phase entstanden. Rilke war 1902 nach Paris gereist, hatte dort Auguste Rodin kennengelernt und begann, das genaue Sehen der bildenden Kunst auf seine eigene Sprache anzuwenden. Die "Neuen Gedichte" mit ihrem dinghaften Blick liegen am Horizont. Auch "Habe Geduld" gehoert in diese Phase: ein langsamer, ein praeziser Satz, der nicht raet, sondern hinhaelt.

Die Editionsgeschichte ist erwaehnenswert. Kappus uebergab die Briefe 1929 an Insel; sie erschienen in einem schmalen Band, der bis heute in dutzenden Auflagen lebt. Der Suhrkamp-Insel Verlag betreut den Text weiterhin, und das Deutsche Literaturarchiv Marbach bewahrt zentrale Konvolute. Wer tiefer einsteigen moechte, findet in der historisch-kritischen Ausgabe der Briefe (Insel, ab 1996) den vollen Kontext, einschliesslich der zehn Briefe an Kappus zwischen Februar 1903 und Dezember 1908.

Es lohnt sich, die Stelle nicht aus dem Zusammenhang zu reissen. Im selben Brief steht, man solle die Fragen "selbst lieben wie verschlossene Stuben". Geduld, fuer Rilke, ist keine passive Tugend, sondern eine Form von Aufmerksamkeit. Wer sie uebt, lebt in den Fragen, statt sie zu beantworten. Das ist, vielleicht, das stille Programm des ganzen Bandes: ein Schreiben, das nicht beruhigt, sondern den Leser in seiner Unruhe ernst nimmt.

Wir haben diese Zeile fuer SILBE ausgewaehlt, weil sie sich dem schnellen Konsum entzieht. Sie haengt nicht als Spruch an einer Wand, sie wartet. Empfohlene Lektuere fuer den naechsten Sonntagvormittag: die zehn Briefe vollstaendig, in der Insel-Ausgabe, mit einer Tasse Schwarztee, ohne Telefon. Mehr ueber die Stimme bei Rilke.