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Warum nur fünf Stimmen — unser kuratorisches Manifesto

Warum SILBE sich bewusst auf sechs Stimmen beschraenkt — eine kuratorische Entscheidung gegen den Vollstaendigkeitsanspruch.

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Eine literarische Edition haette es leicht, alle prominenten Namen zu fuehren. SILBE haelt es anders.

Wir haben uns auf sechs Stimmen festgelegt: Rainer Maria Rilke, Thomas Mann, Franz Kafka, Stefan Zweig, Marie von Ebner-Eschenbach und Else Lasker-Schueler. Die Entscheidung ist keine Bequemlichkeit; sie ist programmatisch. Sie zwingt uns, jede Auswahl zu begruenden, jeden Druck mehrfach zu pruefen, jeden Text in einen Zusammenhang zu stellen, den wir verteidigen koennen.

Es gibt eine lange Reihe von Autorinnen und Autoren, die in einer breiteren Edition selbstverstaendlich vorkaemen. Kurt Tucholsky, Hermann Hesse, Bertolt Brecht, Robert Walser, Alfred Doeblin, Erich Kaestner — sie alle haben ihre eigene Wirkung, ihre eigenen Verlage, ihre eigenen Leserschaften. Sie haben sie zu Recht. Was wir bei SILBE leisten wollen, ist keine Konkurrenz zu diesen Stimmen; es ist eine andere Frage. Welche sechs Stimmen tragen ein Programm, das innerhalb einer kleinen Auswahl miteinander spricht, ohne sich zu wiederholen?

Unsere Antwort verteilt sich auf drei Achsen. Erstens, geographisch und sprachlich, deckt unsere Auswahl den Raum zwischen Prag, Wien, Berlin, Worpswede, Salzburg und Wuppertal ab — also den gesamten deutschsprachigen Raum der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, mit der maehrischen Einbindung durch Ebner-Eschenbach und der nachexilischen Dimension durch Lasker-Schueler. Zweitens, biographisch, stehen drei Frauen und drei Maenner nebeneinander; eine Balance, die in der oeffentlichen Rezeption der Epoche bis heute selten gleich gewichtet wird. Drittens, formal, decken die sechs Stimmen Gedicht, Brief, Aphorismus, Novelle, Roman und Tagebuch ab — die wichtigsten Gattungen der Moderne in einer einzigen Auswahl.

Die Begrenzung ist auch eine Pflege. Wer 60 Autoren fuehrt, kann unmoeglich jeden Druck prueferisch begleiten, jede Quellenangabe verifizieren, jede Edition durcharbeiten. Wir koennen es bei sechs. Jeder Druck, der bei SILBE erscheint, hat eine Quelle, die wir benennen koennen, ein Jahr, das wir verteidigen, eine Edition, die wir empfehlen. Das ist die handwerkliche Seite der Begrenzung.

Es gibt auch die kuratorische Seite. Eine kleine Auswahl erlaubt es, die Stimmen aufeinander zu beziehen. Rilkes Briefe und Manns Novellen reden ueber Geduld und Reife in einer aehnlichen Zeit, mit unterschiedlichen Mitteln. Kafkas Aphorismen und Ebner-Eschenbachs Aphorismen koennen in derselben Sammlung stehen, weil sie beide die Form lieben, und doch trennen sie zwei Generationen und zwei poetische Programme. Lasker-Schuelers Liebesvers und Zweigs Briefnovelle adressieren beide eine Form von Anrede an einen Abwesenden — der eine in drei Worten, der andere in sechzig Seiten. Diese Spannungen werden erst sichtbar, wenn die Auswahl klein genug ist, um sie zu sehen.

Wir behalten uns vor, in spaeteren Editionen zu erweitern. Eine Erweiterung muesste denselben Pruefkriterien standhalten: Quellenstrenge, Editionslage, Verhaeltnis zu den bereits bestehenden Stimmen, Beitrag zu einem Programm, das nicht beliebig wachsen darf. Vorerst: sechs Stimmen, einander zugewandt, in einer Edition, die sich nicht in der Breite, sondern in der Tiefe rechtfertigt.

Wer ein Argument fuer das Hinzunehmen weiterer Namen hat, kann uns schreiben. Wir antworten nicht reflexartig zustimmend, aber wir hoeren zu, und wir prufen die Vorschlaege gegen unser eigenes Programm. Eine Edition, die sich der Erweiterung verweigert, ist genauso fragwuerdig wie eine, die jeder Erweiterung nachgibt. Was wir suchen, ist die mittlere Linie: das langsame, begruendete Hinzunehmen, wenn die Auswahl es traegt — und das ehrliche Nein, wenn sie es nicht traegt.