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Ebner-Eschenbach Aphorismus — Frauenstimme 19. Jh.

Aus den "Aphorismen" von 1880: Marie von Ebner-Eschenbachs scharfe Beobachtung ueber Wissen und Glauben — eine maehrische Stimme im 19. Jahrhundert.

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Wer den Aphorismus als deutsche Form denkt, denkt selten zuerst an eine maehrische Graefin. Genau dort gehoert er aber hin.

Marie von Ebner-Eschenbach, geboren 1830 als Marie Dubsky von Trebomyslice auf Schloss Zdislavice in Maehren, gestorben 1916 in Wien, hat ihren Aphorismenband 1880 bei Gebrueder Paetel in Berlin veroeffentlicht. Es war ihre erste rein gattungsreine Sammlung dieser Art — vorher waren ihre Erzaehlungen und Romane wie "Boezena" (1876) erschienen, spaeter folgten "Das Gemeindekind" (1887) und "Krambambuli" (1883), die sie zu einer der meistgelesenen deutschsprachigen Erzaehlerinnen ihrer Zeit machten.

Der Satz ist eines ihrer haeufigst zitierten Stuecke und faltet, wie der gute Aphorismus es tut, eine groessere Beobachtung in eine kleine Form. Wissen und Glauben werden hier nicht als Gegensatz behandelt, sondern als Substitution. Wer nichts weiss, hat keine Wahl; er muss glauben, was ihm gesagt wird, und zwar alles, was ihm gesagt wird, denn er hat keinen Massstab, um zu unterscheiden. Das ist im Jahr 1880 keine Allgemeinplatz-Aussage. Es ist eine politische Beobachtung in einer Habsburgermonarchie, in der Bildung der einzige Hebel war, sich aus der Abhaengigkeit von Klerus, Adel und Lokalherren zu loesen — und zwar fuer Maenner wie fuer Frauen, fuer Stadt wie Land.

Ebner-Eschenbach selbst war eine fast singulaere Erscheinung. Sie war Autodidaktin, hatte sich gegen den Widerstand ihrer Familie zum Schreiben durchgesetzt und 1900 als erste Frau die Ehrendoktorwuerde der Universitaet Wien erhalten. Ihre Sympathien gehoerten den landlosen Bauern, den Dienstboten, den Frauen ohne Stimme. Ihre Aphorismen sind vor diesem Hintergrund zu lesen: nicht als Salonweisheiten, sondern als kondensierte Beobachtungen einer, die das Habsburgerreich von beiden Seiten kannte, vom Schloss und vom Dorf.

Editorisch ist die zwoelfbaendige Ausgabe der "Saemtlichen Werke" (Paetel, 1893) die historische Referenz; moderne Editionen liegen u.a. bei Reclam und in der Manesse-Bibliothek vor. Das Wienbibliothek-Archiv verwahrt zentrale Manuskripte und Tagebuecher; die Tagebuecher selbst, herausgegeben von Karl Konrad Polheim ab 1989 in der Reihe der Akademie-Ausgabe, dokumentieren die Genese vieler Aphorismen.

Wer die deutsche Aphoristik des 19. Jahrhunderts kennenlernen moechte, kommt an dieser Sammlung nicht vorbei. Sie steht neben Lichtenberg und Schopenhauer als die dritte grosse Stimme, und sie ist die einzige, die mit ungeschoenter Aufmerksamkeit auf das Leben der einfachen Leute blickt. Ihre Praezision verdankt sie nicht der Schaerfe der Ironie, sondern der Genauigkeit der Beobachtung.

Lektureempfehlung: die "Aphorismen" in der Reclam-Ausgabe, dazu "Das Gemeindekind" als Roman, der den Hintergrund der Beobachtung greifbar macht. Auch "Lotti, die Uhrmacherin" (1880), eine Erzaehlung aus demselben Jahr wie der Aphorismenband, lohnt die Wiederentdeckung; sie zeigt eine Frauenfigur, die ihren eigenen Beruf gegen die Konvention behauptet, und sie verraet, wie politisch Ebner-Eschenbachs Realismus tatsaechlich war.

Wer den Druck aufhaengt, sollte die Aphorismen daneben legen. Sie haben das Format des Hausgebrauchs — kurze Saetze, in jeder freien Minute lesbar, und doch jeder einzelne ein kleines Programm. Die Reclam-Ausgabe kostet wenig, traegt aber ein ganzes Leben. Mehr zur Stimme unter Ebner-Eschenbach.