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Mann 'Was sich erfüllen soll' — Reife im 20. Jh.

Aus "Der Tod in Venedig", 1912: Thomas Manns Beobachtung, dass das Originale aus der Einsamkeit kommt — ein Satz ueber die Bedingungen kuenstlerischer Reife.

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Es ist ein Satz aus dem zweiten Kapitel der "Tod in Venedig"-Novelle, und er gehoert zu jenen Stellen, an denen Thomas Mann seine eigene Poetik fast unverstellt formuliert.

Die Novelle erschien 1912 in der Neuen Rundschau und im selben Jahr als Buchausgabe bei S. Fischer in Berlin. Sie war das Resultat eines Aufenthalts, den Mann im Mai und Juni 1911 mit seiner Frau Katia und seinem Bruder Heinrich am Lido verbracht hatte. Aus der Begegnung mit dem polnischen Knaben Władysław Moes, aus den Cholera-Geruechten Venedigs und aus Manns eigener Lektuere von Platon und Nietzsche entstand die Geschichte des alternden Schriftstellers Gustav von Aschenbach.

Der zitierte Satz steht im Kontext einer Reflexion ueber Aschenbachs Werk. Mann beschreibt darin, wie ein einsamer Mensch, der seine Eindruecke nicht in Gespraechen verbraucht, sondern in sich verschliesst, eine Schaerfe gewinnt, die den geselligen Geistern verwehrt bleibt. Das Originale, sagt Mann, ist nicht das Ungewoehnliche; es ist das Eigene, das nur in der Stille zu sich kommt. Diese Definition ist im Jahr 1912 fast eine Provokation, denn die Wiener und Berliner Caféhaus-Kultur lebt vom Gegenteil, vom permanenten Austausch, vom Schliff durch das Gespraech.

Mann zeichnet hier auch ein Selbstbildnis. Er war ein Schriftsteller des disziplinierten Vormittags, der allein an seinem Schreibtisch in der Muenchner Poschingerstrasse sass und der Geselligkeit ueberwiegend am Abend nachging. Aschenbach ist, in vielem, ein Spiegel; und der Satz ueber die Einsamkeit ist eine stille Rechtfertigung des eigenen Verfahrens.

Editorisch interessant ist die S. Fischer Werkausgabe in einzelnen Baenden, deren Apparat die Genese der Novelle aus den Tagebuechern und Briefen rekonstruiert. Die Grosse kommentierte Frankfurter Ausgabe (S. Fischer, ab 2002) widmet der Novelle einen eigenen Band mit umfangreichem Kommentar und Variantenapparat. Wer die Briefe lesen moechte, findet in der S. Fischer Briefausgabe (ab 1965) die Korrespondenz mit Bruder Heinrich, mit Hugo von Hofmannsthal und mit dem Verleger Samuel Fischer; die Briefe von 1911 und 1912 dokumentieren den Entstehungsprozess.

Der Satz hat eine eigentuemliche Modernitaet bewahrt. In einer Zeit der staendigen Verfuegbarkeit, in der jede Regung sofort geteilt werden kann, beschreibt er einen Vorgang, der das Gegenteil verlangt: das Einbehalten, das langsame Reifen, die Treue zur eigenen Wahrnehmung, bis sie Form gewinnt. Reife, in Manns Vokabular, ist nicht Alter; sie ist die Frucht eines Prozesses, der Zeit braucht und Stille.

Lektureempfehlung: "Der Tod in Venedig" in der Frankfurter Ausgabe, dazu die Tagebuecher der Jahre 1918-1921 (S. Fischer, hrsg. Peter de Mendelssohn ab 1979), in denen Mann sein eigenes Verfahren reflektiert. Wer bereits im Werk steht, findet in den "Betrachtungen eines Unpolitischen" (1918) eine umfassendere Selbstauslegung des einsamen Verfahrens, und im Spaetwerk, etwa im "Doktor Faustus" (1947), kehrt das Motiv der einsam reifenden Originalitaet noch einmal in dunklerer Tonart zurueck. Adrian Leverkuehn, der fiktive Komponist des Romans, ist ein spaeter Bruder Aschenbachs.

Die Stimme weiter erkunden bei Thomas Mann. Eine Bemerkung am Rand: Mann hat den Satz nie als Rezept verstanden. Die Einsamkeit, die das Originale zeitigt, ist nicht die selbstgewaehlte Klausur des Eigenbroetlers; sie ist die produktive Pause vom Geraeusch der Welt, eine Form von Aufmerksamkeit, die der gesellige Schriftsteller, der Mann durchaus auch war, sich abringen muss. Genau diese Spannung macht den Satz haltbar.