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Kafka 'Wege entstehen' — Pfad-Metapher

Ein Satz, der Kafka zugeschrieben wird, sich aber in seinem Werk nicht findet: zur Geschichte einer Fehlattribution und ihrer hartnaeckigen Wirkung.

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Es gibt Saetze, die so eng mit einem Namen verbunden sind, dass die Frage nach ihrer Herkunft fast unhoeflich erscheint. Dieser hier ist einer davon.

Die Zeile zirkuliert seit den spaeten 1980er Jahren in deutschsprachigen Kalendern, Postkarten und Lebenshilfebuechern unter dem Namen Franz Kafka. Sie steht in unzaehligen Zitatsammlungen, Hochzeitsreden und Trauergedichten. Nur eines ist sie nicht: belegt. In der Kritischen Kafka-Ausgabe (S. Fischer, hrsg. Jost Schillemeit u.a., ab 1982), die saemtliche Romane, Erzaehlungen, Tagebuecher, Briefe und nachgelassenen Fragmente umfasst und im Bodleian-Nachlass in Oxford ihre Quelle hat, kommt der Satz nicht vor. Auch in der historisch-kritischen Stroemfeld-Ausgabe (ab 1995), die Faksimile und Transkription parallel fuehrt, fehlt jede Spur.

Wer der naechstgelegenen Quelle nachgeht, landet bei Antonio Machado, dem spanischen Dichter der Generación del 98. In seinem Gedicht "Proverbios y Cantares" aus dem Band "Campos de Castilla" (1912) heisst es: "Caminante, no hay camino, se hace camino al andar." Wanderer, es gibt keinen Weg, der Weg entsteht im Gehen. Die Naehe ist offensichtlich; die deutschsprachige Volksversion ist eine paraphrasierende Verkuerzung des Machado-Verses, die im Lauf der Jahrzehnte ihren spanischen Urheber verloren und einen prominenteren deutschsprachigen Patron gefunden hat.

Wie kam es zur Verschiebung? Reiner Stach, der in seiner dreibaendigen Kafka-Biographie (S. Fischer, 2002-2014) den Forschungsstand zu allen wichtigen Kafka-Mythen aufarbeitet, vermutet eine Mischung aus Klangaehnlichkeit und kulturellem Bedarf. Kafka war in der spaten DDR und in der westdeutschen Lebenshilfebewegung der 1980er Jahre eine Autoritaet fuer existenzielle Knappheit; ein Satz, der existenziell knapp klang, wanderte fast automatisch in seine Naehe. Die Verlage haben den Irrtum lange nicht korrigiert, weil er sich verkaufte. Erst in den 2000er Jahren begannen einzelne Forscher und der Kafka-Kreis Prag, oeffentlich auf die Fehlattribution hinzuweisen.

Was bedeutet das fuer SILBE? Wir haben den Satz in unsere Auswahl aufgenommen, nicht weil wir die Fehlattribution fortschreiben, sondern weil seine Geschichte selbst zum Werk gehoert. Ein Druck, der diesen Vers traegt, traegt mit ihm die Geschichte der Aneignung, der Mythenbildung und der nachtraeglichen Korrektur. Wer ihn aufhaengt, sollte wissen, was er aufhaengt: einen wahrscheinlich nach Machado paraphrasierten Vers, der unter Kafkas Namen Karriere gemacht hat, und der vielleicht gerade deshalb funktioniert, weil er zwischen zwei Sprachen, zwei Jahrhunderten und zwei Autorschaftsbegriffen schwebt.

Lektureempfehlung: Antonio Machado, "Campos de Castilla" in der zweisprachigen Ausgabe von Fritz Vogelgsang (Ammann, 2008), dazu Reiner Stachs Biographie-Band III mit dem Anhang zur Wirkungsgeschichte. Wer die echten Kafka-Saetze sucht, findet sie in den Zuerauer Aphorismen oder den Tagebuechern, etwa in der Kritischen Ausgabe der Tagebuecher (S. Fischer, hrsg. Hans-Gerd Koch u.a., 1990).

Eine letzte Anmerkung. Die Frage nach der Echtheit eines Zitats ist nicht akademische Pingeligkeit. Sie ist die Frage, wer eigentlich gesprochen hat, als ein Satz das erste Mal erschien, und in welcher Sprache. Der Weg, den Machado meinte, ist kein metaphorischer Lebensweg im deutschen Sinne; er ist der Camino, der staubige Weg durch Kastilien, im Schatten und in der Mittagshitze. Diese Konkretheit geht in der deutschsprachigen Paraphrase verloren. Wer den Druck aufhaengt, kann sie zurueckholen. Mehr zur Stimme unter Kafka.