Wenige Saetze der deutschsprachigen Literatur sind so kurz und so gleichzeitig so widerstaendig gegen die Glaettung wie dieser.
Im Winter 1917 und im Fruehjahr 1918 lebte Franz Kafka, der nach einem Lungenblutsturz die Diagnose Tuberkulose erhalten hatte, bei seiner Schwester Ottla im nordboehmischen Dorf Zuerau, dem heutigen Siřem. Aus dieser Krankheitspause, frei vom Buero in der Prager Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt, stammen die Aufzeichnungen, die spaeter unter dem Titel "Zuerauer Aphorismen" oder "Betrachtungen ueber Suende, Leid, Hoffnung und den wahren Weg" bekannt wurden. Es sind 109 Notate, die Kafka selbst auf einzelne Zettel uebertrug und durchnummerierte; eine Form, die in seinem Werk einzigartig bleibt.
Der Satz ist Aphorismus Nr. 52. Er irritiert beim ersten Lesen, weil er der erwarteten Geste widerspricht. Wer wuerde, aufgefordert, Partei zu nehmen, gegen das eigene Ich Partei nehmen? Kafka schon. Und die Begruendung, die er nicht ausspricht, liegt in der Logik der Aphorismen selbst: das Ich, in seiner Begehrensstruktur, in seiner Selbstverteidigung, ist die schwaechere Position. Die Welt ist die staerkere, weil sie ohne das Ich besteht. Sich auf ihre Seite zu stellen heisst, eine Klarheit zu gewinnen, die das Ich aus eigener Kraft nicht erreicht.
Editorisch sind die Aphorismen in der Kritischen Kafka-Ausgabe (S. Fischer, hrsg. Jost Schillemeit u.a., ab 1982) im Band "Nachgelassene Schriften und Fragmente II" zugaenglich. Die Original-Zettel werden in der Bodleian Library in Oxford verwahrt, wohin Max Brod Kafkas Nachlass nach 1939 gerettet hatte; einzelne Faksimiles wurden in den 2010er Jahren digitalisiert. Roberto Calasso hat die Aphorismen 2002 in einer eigenen italienischen Edition neu kommentiert; Reiner Stachs dreibaendige Kafka-Biographie (S. Fischer, 2002-2014) ordnet die Zuerau-Phase in den Lebenskontext ein.
Der Satz hat eine Wirkungsgeschichte, die ueber das Literarische hinausgeht. Hannah Arendt zitierte ihn in den 1940er Jahren in ihrem Kafka-Essay; Theodor W. Adorno bezog sich auf ihn in den "Aufzeichnungen zu Kafka" (1953). Beide lasen ihn als Korrektur am modernen Subjektivismus, als eine Aufforderung, die Welt nicht in das Ich einzuschmelzen, sondern dem Ich seine Grenze zu zeigen. Wo etwa Stefan Zweig in derselben Epoche das innere Erleben aufschrieb, blieb Kafka der Gegenpol: die Welt zuerst, das Ich danach.
Wir empfehlen die Lektuere im Zusammenhang. Die 109 Aphorismen ergeben, hintereinander gelesen, kein System, aber ein Feld; und Aphorismus 52 entfaltet seine Kraft erst, wenn man die Stuecke vor und nach ihm kennt. Eine Tasse schwarzer Kaffee, ein leerer Vormittag, der duenne Reclam-Band oder die Fischer-Ausgabe.
Wer den Aphorismus an die Wand haengt, sollte ihn nicht als Lebensregel lesen. Kafkas Aphorismen widersetzen sich dieser Art der Aneignung. Sie sind Beobachtungen aus einem Krankenzimmer in Boehmen, geschrieben von einem Mann, der wusste, dass ihm wenig Zeit blieb, und der diese Zeit nicht mit Trostformeln verbringen wollte. Die Klarheit, die der Satz traegt, ist die Klarheit der knappen Resourcen. Sie entsteht da, wo die Welt sich nicht mehr leisten laesst, dem Ich zu schmeicheln. Mehr ueber die Stimme bei Kafka.