Stefan Zweig
SILBE · Autor:innen
Z
Stefan Zweig
1881–1942
Wien → Salzburg → London → Petrópolis
Im SILBE-Sortiment
Die Edition trägt die Anrede aus ›Brief einer Unbekannten‹ — eine der dichtesten Novellen der Wiener Moderne — als A2-Memorial-Druck.
Biographie
Stefan Zweig wird am 28. November 1881 am Schottenring 14 in Wien geboren, in eine wohlhabende jüdische Industriellenfamilie hinein. Er studiert in Wien und Berlin, promoviert 1904 mit einer Arbeit über Hippolyte Taine und beginnt früh, Gedichte, Übersetzungen und psychologische Novellen zu veröffentlichen.
1919 erwirbt er das Paschinger-Schlössl auf dem Kapuzinerberg in Salzburg; in den folgenden zwei Jahrzehnten wird das Haus zu einem internationalen Treffpunkt. Romain Rolland, James Joyce, Maxim Gorki, Hugo von Hofmannsthal, Joseph Roth gehen dort ein und aus. In dieser Phase entstehen die psychologischen Novellen, die Zweig zu einem der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren seiner Zeit machen — ›Brief einer Unbekannten‹ erscheint 1922 zuerst in der Neuen Freien Presse in Wien und im selben Jahr im Insel-Verlag im Band ›Amok. Novellen einer Leidenschaft‹, an der Seite von ›Amokläufer‹ und ›Mondscheingasse‹. Es folgen ›Sternstunden der Menschheit‹ (1927), die historischen Biographien (›Marie Antoinette‹ 1932, ›Maria Stuart‹ 1935, ›Magellan‹ 1938) und die ›Schachnovelle‹ (postum 1942).
Zweigs Verhältnis zur Briefform ist nicht zufällig. Die Wiener Moderne, in der er aufwächst, hatte ein besonderes Verhältnis zur Briefliteratur — Hofmannsthals ›Chandos-Brief‹ (1902) hatte das fiktive Schreiben als Form etabliert; Schnitzler radikalisierte mit ›Fräulein Else‹ (1924) den inneren Monolog. Was Zweig hinzufügt, ist die radikale Asymmetrie: der Adressat ist anwesend, aber er antwortet nicht. Diese Konstellation, in ›Brief einer Unbekannten‹ in ihrer reinsten Form durchgespielt, kehrt in vielen seiner Erzählungen wieder.
1934, nach Hausdurchsuchungen in Salzburg, emigriert Zweig nach London, später nach Bath. 1940 erhält er die britische Staatsbürgerschaft; im selben Jahr reist er über New York nach Brasilien, wo er sich mit seiner zweiten Frau Lotte in Petrópolis, oberhalb Rio de Janeiros, niederlässt. Dort schreibt er die ›Welt von Gestern‹, seine Autobiographie der untergegangenen Donaumonarchie. Am 22. Februar 1942 nehmen sich Stefan und Lotte Zweig in ihrem Haus in Petrópolis das Leben.
Zweigs Briefwechsel mit Romain Rolland, Joseph Roth, Sigmund Freud und Klaus Mann gehört zu den dichtesten Zeitzeugnissen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts; einzelne Bände sind im S. Fischer Verlag und im Aufbau-Verlag erschienen. Auch die Korrespondenz mit Friderike Zweig, seiner ersten Frau, dokumentiert die Vor- und Exiljahre und ist Teil der Salzburger Bestände.
Das Stefan Zweig Centre an der Universität Salzburg verwahrt umfangreiche Manuskripte, Briefe und die persönliche Bibliothek; die historisch-kritische Werkausgabe (S. Fischer, hrsg. Knut Beck u. a., ab 1981) versammelt das Werk mit Variantenapparat und Kommentar. Daniel Kehlmann hat die Salzburger Stefan-Zweig-Vorlesungen 2015 gehalten und die Wirkungsgeschichte in einer eigenen kritischen Würdigung diskutiert. ›Quellen: S. Fischer historisch-kritische Werkausgabe ab 1981; Stefan Zweig Centre Salzburg / Universität Salzburg; Insel-Verlag Erstausgabe ›Amok. Novellen einer Leidenschaft‹ 1922; Stefan Zweig: Die Welt von Gestern, S. Fischer 1942/postum.‹
›Dir, der Du mich nie gekannt!‹
— Brief einer Unbekannten, Eingangsanrede · Insel-Verlag 1922
Warum SILBE
Zweig steht in unserer Auswahl für die radikale Asymmetrie der Anrede. Eine Frau schreibt einem Mann, der sie nie wirklich gesehen hat; sie schreibt im Sterben, er liest, wenn sie tot ist. Diese Konstellation — die Adresse als ganze Geschichte — ist die dichteste Form, die die Wiener Moderne der Briefliteratur abgewonnen hat. Wir haben für SILBE bewusst die drei Worte der Eingangsanrede gewählt, nicht den ganzen Brief, weil sie als Druck funktionieren und doch immer auf den Volltext zurückverweisen, der danebengelegt werden will. Wer den Druck verschenkt, sollte die Insel-Ausgabe der Novelle mitliefern; sie kostet wenig und trägt eine ganze Erzählung.