Rainer Maria Rilke

SILBE · Autor:innen

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Rainer Maria Rilke

Prag → München → Worpswede → Paris → Triest → Sierre → Muzot

Rainer Maria Rilke, photographiert 1920 von Forrer.
Quelle: Wikimedia Commons · Forrer · 1920 · Public Domain (PD-old, 70+ years post mortem auctoris). Source

Im SILBE-Sortiment

Die Edition trägt zwei Briefstellen aus den ›Briefen an einen jungen Dichter‹ und ein dreiteiliges Postkarten-Set, das die Brieftradition in das kleinere Format überträgt.

Biographie

René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke wird am 4. Dezember 1875 in Prag geboren, in eine Familie, in der die Mutter den verlorenen Töchtertraum auf den Sohn überträgt und der Vater den eigenen abgebrochenen Offiziersweg in der Erziehung nachholen will. Aus dieser doppelten Spannung wächst eine fast unheimliche Empfindlichkeit für Sprache.

Nach den frühen Prager Jahren und einer kurzen, harten Zeit an der Militär-Unterrealschule St. Pölten und der Militär-Oberrealschule Mährisch-Weißkirchen findet Rilke seine Form in München, in Berlin, schließlich in der Künstlerkolonie Worpswede nördlich von Bremen. Dort heiratet er 1901 die Bildhauerin Clara Westhoff, und dort entstehen, im Sommer 1903, die ersten Briefe an den jungen Dichter Franz Xaver Kappus, einen Kadetten der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt. Es sind diese zehn Briefe zwischen 1903 und 1908, die Insel 1929 — drei Jahre nach Rilkes Tod — als schmalen Band herausgibt und die bis heute zur meistgelesenen deutschsprachigen Briefliteratur gehören.

1902 reist Rilke nach Paris, um eine Monographie über Auguste Rodin zu schreiben; aus dem Auftrag wird eine Lehrzeit. Bei Rodin lernt er das genaue Sehen, das in den ›Neuen Gedichten‹ (1907/08) zur eigenen Form wird. Die ›Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge‹ erscheinen 1910 bei Insel. Es folgen Triest und das Schloss Duino, wo 1912 die ersten Verse der ›Duineser Elegien‹ entstehen, ein Werk, das er erst 1922 in Schloss Muzot bei Sierre im Wallis vollendet — in einem fiebrigen Februar, in dem auch die ›Sonette an Orpheus‹ niedergeschrieben werden.

Zwischen den großen Werken liegt eine fast unermüdliche Reisetätigkeit — Rom, Schweden, Ägypten, Spanien. Die Wohnsitze wechseln, die Briefe gehen weiter, an Lou Andreas-Salomé, an Marie von Thurn und Taxis, an Magda von Hattingberg, an die Fürstin Marie und an Witold Hulewicz, den polnischen Übersetzer, dem Rilke 1925 in einem berühmten langen Brief die Elegien selbst auslegt. Es ist diese Brieftätigkeit, mehr noch als das gedruckte Werk, die Rilkes literarisches Verfahren konstituiert: das Schreiben als Adressierung an einen Anderen, der antworten kann, und dem die eigene Beobachtung zum ersten Mal genau wird.

Am 29. Dezember 1926 stirbt Rilke an Leukämie im Sanatorium Valmont oberhalb von Montreux. Auf seinem Grabstein in Raron, Wallis, steht das von ihm selbst gewählte Epitaph: ›Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern.‹ Seine Briefe und Manuskripte werden seitdem im Insel-Verlag (heute Suhrkamp-Insel) und im Deutschen Literaturarchiv Marbach gepflegt. Die Ausstellung ›Rilkes Welten‹ am Literaturmuseum der Moderne in Marbach läuft noch bis Januar 2027. ›Quellen: Insel-Verlag Briefausgabe ab 1929; historisch-kritische Insel-Edition der Briefe an einen jungen Dichter ab 1996; Rainer Maria Rilke: Briefe an einen jungen Dichter, hrsg. Erich Unglaub, Insel 2019; Deutsches Literaturarchiv Marbach.‹

›Habe Geduld gegen alles Ungelöste in deinem Herzen und versuche, die Fragen selbst lieb zu haben wie verschlossene Stuben.‹

— Brief an Franz Xaver Kappus, Worpswede, 16. Juli 1903

Warum SILBE

Rilke ist die Stimme, an der unser Programm der Geduld sich misst. Wir haben für SILBE bewusst zwei Briefstellen aus den ›Briefen an einen jungen Dichter‹ ausgewählt, nicht eine — weil sie zusammen gehören wie zwei Bewegungen einer Geste. Die eine fordert (›Habe Geduld‹), die andere beobachtet (›Wer einmal seine Geduld empfindet‹). In ihrer Verschränkung wird sichtbar, was Rilke unter Geduld verstand: keine passive Tugend, sondern eine Form von Aufmerksamkeit, die das Ungelöste stehen lässt, ohne es zu erpressen. Diese Haltung ist die editorische Grundlage von SILBE selbst — daher steht Rilke am Anfang unserer Auswahl. Wer den Druck aufhängt, sollte die Insel-Ausgabe der zehn Briefe daneben legen; das Zitat lebt erst aus dem Zusammenhang.