Franz Kafka

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Franz Kafka

Prag → Berlin → Sanatorium Kierling

Franz Kafka, photographiert 1923.
Quelle: Wikimedia Commons · Unbekannter Photograph · 1923 · Public Domain (PD-old). Source

Im SILBE-Sortiment

Die Edition trägt zwei Stellen aus dem aphoristischen und brieflichen Werk Kafkas — eine aus den Zürauer Aphorismen 1917/18, eine aus dem Brief an Oskar Pollak vom Januar 1904 — sowie eine Tote-Zeile aus den Milena-Briefen.

Biographie

Franz Kafka wird am 3. Juli 1883 in Prag geboren, in einer Stadt, die zu Lebzeiten zu vier verschiedenen Staatsgebilden gehört und in der das Deutsche, das Tschechische und das Jiddische in derselben Gasse zu hören sind. Aus dieser sprachlichen Mehrschichtigkeit wächst ein Schreiben, das auf die Knochen aller drei Traditionen zugleich zielt.

Nach dem Jurastudium an der Karl-Ferdinands-Universität tritt Kafka 1908 in die Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag ein, wo er bis zu seiner Pensionierung 1922 arbeitet — ein Bürojob, der ihm nachmittags und nachts das Schreiben offenhält. In diesen Jahren entstehen ›Das Urteil‹ (1912, in einer einzigen Nacht), ›Die Verwandlung‹ (1915, Kurt Wolff Verlag), ›In der Strafkolonie‹ (1919) sowie die Romanfragmente ›Der Verschollene‹, ›Der Process‹ und ›Das Schloss‹. Zu Lebzeiten erscheint nur ein Bruchteil des Werks; das Hauptwerk ist nachgelassen.

Im August 1917 erleidet Kafka einen Lungenblutsturz; die Diagnose Tuberkulose folgt. Im Winter 1917/18 lebt er bei seiner Schwester Ottla im nordböhmischen Dorf Zürau (heute Siřem). Aus dieser Krankheitspause stammen die 109 ›Zürauer Aphorismen‹ — eine in Kafkas Werk einzigartige Form, auf einzelne Zettel übertragen und durchnummeriert. 1923 zieht er kurz nach Berlin zu Dora Diamant; im April 1924 stirbt er, kaum 41-jährig, im Sanatorium Kierling bei Klosterneuburg.

Im Verhältnis zu Felice Bauer, mit der er zweimal verlobt war, und zu Milena Jesenská, der tschechischen Übersetzerin und Journalistin, schreibt Kafka die Briefe, die heute zur intensivsten deutschsprachigen Briefliteratur des 20. Jahrhunderts gerechnet werden. Der Brief an Oskar Pollak vom 27. Januar 1904, in dem die Formulierung von der Axt für das gefrorene Meer steht, gehört zu den frühen Zeugnissen von Kafkas Lesepoetik — er ist 20 Jahre alt, schreibt aus Prag an einen Studienfreund, und formuliert in einem Nebensatz, was sein eigenes späteres Schreiben anstreben wird.

Max Brod rettet 1939 den Nachlass über Prag und Tel Aviv; ein Teil liegt heute in der Bodleian Library Oxford, ein Teil im Deutschen Literaturarchiv Marbach, einzelne Konvolute in der Israelischen Nationalbibliothek Jerusalem. Die Kritische Kafka-Ausgabe (S. Fischer, hrsg. Jost Schillemeit u. a., ab 1982) und Reiner Stachs dreibändige Kafka-Biographie (S. Fischer, 2002–2014) sind die editorische und biographische Referenz. ›Quellen: Kritische Kafka-Ausgabe S. Fischer ab 1982; Franz Kafka: Briefe 1900–1912, hrsg. Hans-Gerd Koch, S. Fischer 1999; Reiner Stach: Kafka. Die frühen Jahre / Die Jahre der Entscheidungen / Die Jahre der Erkenntnis, S. Fischer 2002–2014; Bodleian Library Oxford.‹

›Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.‹

— Brief an Oskar Pollak, Prag, 27. Januar 1904

Warum SILBE

Kafka ist die Stimme der knappen Klarheit. In einer Edition, die Geduld und das langsame Reifen pflegt, braucht es einen Gegenpol — und das ist Kafka. Seine Aphorismen aus Zürau sind nicht beruhigend; sie schneiden. Wir haben uns bewusst für Stellen entschieden, die in den historisch-kritischen Ausgaben verbürgt sind — der Brief an Oskar Pollak vom Januar 1904, Aphorismus Nr. 52 aus Zürau, eine Zeile aus den Milena-Briefen — und ausdrücklich gegen die populären Fehlattributionen, die unter Kafkas Namen kursieren (etwa der Vers ›Wege entstehen dadurch, dass man sie geht‹, der nicht von Kafka, sondern paraphrasierend von Antonio Machado stammt). Wer Kafka aufhängt, hängt etwas auf, das verlangt, dass man hinsieht.