Marie von Ebner-Eschenbach

SILBE · Autor:innen

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Marie von Ebner-Eschenbach

Schloss Zdislavice (Mähren) → Wien → Niederösterreich

Marie von Ebner-Eschenbach in ihrem Heim, photographiert 1901 von Ludwig Grillich.
Quelle: Wikimedia Commons · Ludwig Grillich · 1901 · Public Domain (PD-old). Source

Im SILBE-Sortiment

Die Edition trägt einen Aphorismus aus dem Band von 1880 — eine der schärfsten Beobachtungen über Wissen und Glauben in der deutschsprachigen Aphoristik des 19. Jahrhunderts.

Biographie

Marie Dubsky von Trebomyslice wird am 13. September 1830 auf Schloss Zdislavice in Mähren geboren, in eine alte böhmisch-mährische Adelsfamilie hinein. Ihre Mutter stirbt früh; sie wächst zwischen tschechischsprachigem Gesinde und deutschsprachiger Hauserziehung auf — eine doppelte Sprachwelt, die sie ein Leben lang prägt.

1848 heiratet sie ihren Cousin Moritz von Ebner-Eschenbach, einen Pioniergeneral der österreichischen Armee; das Paar zieht nach Wien, später nach Klosterbruck bei Znaim. Gegen den Widerstand ihrer Familie und gegen die Konvention ihrer Klasse beginnt sie in den 1850er Jahren zu schreiben — zunächst Dramen, die wenig Erfolg haben, dann Erzählungen und Romane, die ihren Ruf festigen. ›Bozena‹ (1876) ist ihr erster großer Erzählerfolg; es folgen ›Lotti, die Uhrmacherin‹ (1880), ›Das Gemeindekind‹ (1887) und die berühmte Hundeerzählung ›Krambambuli‹ (1883).

1880 erscheinen bei Gebrüder Paetel in Berlin ihre ›Aphorismen‹ — ihre erste rein gattungsreine Sammlung dieser Art. Die Form, die in der deutschsprachigen Tradition zwischen Lichtenberg und Schopenhauer eine eigene Linie zieht, wird bei Ebner-Eschenbach zur dritten großen Stimme: nicht polemisch wie Lichtenberg, nicht philosophisch-systematisch wie Schopenhauer, sondern aus genauer Beobachtung des sozialen Lebens kondensiert. Ihre Sympathien gelten den Dienstboten, den landlosen Bauern, den Frauen ohne Stimme.

Im selben Jahr 1880 erscheint auch ›Lotti, die Uhrmacherin‹ — eine Erzählung, die eine Frauenfigur zeigt, die ihren eigenen Beruf gegen die Konvention behauptet. Beide Texte zusammen, der Aphorismenband und die Erzählung, machen sichtbar, wie politisch Ebner-Eschenbachs Realismus tatsächlich war. Sie schreibt nicht über das Volk, sondern aus der Beobachtung des Volkes heraus, und sie tut dies in einer Form — dem Aphorismus — die in der Wiener Salonkultur ihrer Zeit lange als Salonweisheit gelesen wurde, bis die Forschung des späten 20. Jahrhunderts die soziale Schärfe ihrer Beobachtungen wieder freilegte.

Ihre Tagebücher, geführt fast 50 Jahre lang, sind eine der wichtigsten Quellen für das literarische Wien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts; sie dokumentieren Begegnungen mit Franz Grillparzer, mit Adalbert Stifter, mit Ferdinand von Saar und mit den jüngeren Schriftstellerinnen, die Ebner-Eschenbach förderte — etwa Ada Christen und Ossip Schubin. In ihrer Korrespondenz mit Saar, geführt über mehrere Jahrzehnte, lässt sich die Genese vieler Aphorismen nachverfolgen.

1900 verleiht ihr die Universität Wien als erster Frau überhaupt die Ehrendoktorwürde — eine kulturpolitische Geste in einem Habsburgerreich, das Frauen den regulären Universitätszugang erst 1897 (Philosophische Fakultät Wien) eröffnet hatte. Sie stirbt am 12. März 1916 in Wien, mitten im Ersten Weltkrieg. Ihr Nachlass wird in der Wienbibliothek im Rathaus verwahrt; die Tagebücher hat Karl Konrad Polheim ab 1989 in der Reihe der Akademie-Ausgabe ediert. ›Quellen: Sämtliche Werke, 12 Bände, Paetel 1893; Marie von Ebner-Eschenbach: Tagebücher, hrsg. Karl Konrad Polheim, Akademie-Ausgabe ab 1989; Marie von Ebner-Eschenbach: Aphorismen, Reclam Universal-Bibliothek (Neuausgabe); Wienbibliothek im Rathaus.‹

›Wer nichts weiß, muss alles glauben.‹

— Aphorismen · Gebrüder Paetel, Berlin 1880

Warum SILBE

Ebner-Eschenbach gehört in unsere Auswahl, weil sie die einzige Stimme des 19. Jahrhunderts ist, die wir führen — und weil sie die deutschsprachige Aphoristik um eine Schärfe bereichert hat, die Lichtenberg und Schopenhauer in dieser Form nicht erreichen. Ihr Satz über Wissen und Glauben ist im Jahr 1880 eine politische Beobachtung in einer Habsburgermonarchie, in der Bildung der einzige Hebel war, sich aus der Abhängigkeit von Klerus, Adel und Lokalherren zu lösen. Wir haben sie ausgewählt, weil sie zeigt, dass die Klarheit eines Aphorismus nicht von der Ironie, sondern von der Genauigkeit der Beobachtung lebt — und weil unsere sechs Stimmen ohne sie um eine Generation und um eine Frauenstimme ärmer wären, die die Form vor allen anderen souverän geführt hat.